• Foto: Harry Gugger Studio, Basel
    Foto: Harry Gugger Studio, Basel
  • Foto: Harry Gugger Studio, Basel
    Foto: Harry Gugger Studio, Basel
  • Foto: Harry Gugger Studio, Basel
    Foto: Harry Gugger Studio, Basel
Drucken

Umbau Silo Erlenmatt, Signalstrasse 37

Architektur:
Harry Gugger Studio Ltd.

Bauherrschaft:
Stiftung Habitat

Betreiber:
Silo by TALENT


Der Umbau des Sandreuter-Silos aus dem Jahr 1912 in ein Arbeits- und Begegnungszentrum im Erlenmattquartier ist ein Glücksfall sondergleichen. Das herausragende Resultat war nur dank der innovativen Leistung des beauftragten Architekturbüros und dem finanziellen und ideellen Engagement der Bauherrschaft möglich. Wie ein von seiner ursprünglichen Funktion derart stark bestimmtes Gebäude in eine vollkommen andere Nutzung überführt werden kann, ohne dabei seine spezifische bauliche Ausprägung zu verlieren, ist genial. Es ist faszinierend, wie sich die neuen Nutzungen in die Strukturen der alten Siloarchitektur einfügen. Die spezifische Architektur des Lagerhauses war Leitmotiv und Inspirationsquelle dafür, wie aus einem Silogebäude, das früher als Zwischenlager für Getreide und Kakaobohnen diente, ein vielfältiges Haus für Menschen werden kann. Dabei halfen die von der Eigentümerschaft zur Verfügung gestellten Mittel, ein grosszügiges Raumprogramm mit geringer Nutzungsdichte umzusetzen. In der Umsetzung dieses architektonischen Konzepts, bei dem die Grundstruktur bis zu den technischen Einrichtungen übernommen werden sollten, galt es auch, technische Anforderungen zu bewältigen. So stellte sich beispielsweise die Frage, wieweit die alte Tragstruktur mit seiner beschränkten Betonqualität noch genügen kann und wie sie durch neue Elemente abgelöst und verstärkt werden konnte.

Das Silogebäude von Rudolf Sandreuter diente der Basler Lagerhausgesellschaft als Umschlagplatz für Getreide und anderes, das vor Ort verkauft und abgefüllt wurde. Der markante Silobau stand beinahe 100 Jahre frei auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Güterbahnhofs. Der Massivbau in Beton mit seinen umlaufenden Lisenen, dem oberen durchlaufenden Fensterband sowie dem im Dach abgesetzten Lichtband erinnerte insbesondere in seiner Position als Solitär an eine Kathedrale. Mit der Einbindung in die neu erstellten Bauten entlang der Signalstrasse im Zuge der Gesamtbebauung des Erlenmattgebiets hat sich diese charakteristische Exposition zwangsläufig gewandelt. Aus dem einstigen Silogebäude entstand ein verbindendes Element, ein Haus mit gemischter Nutzung für das neu geschaffene Erlenmattquartier.

Im Erdgeschoss befinden sich ein Restaurant und Seminarräume sowie gegen die ruhigere Platzseite in den Obergeschossen preisgünstige Ateliers und gegen die vom Verkehrslärm geprägte Strassenseite die Räume des Hostels, die hinter schallgeschützten Fenstern über Mehrbett- und Doppelzimmer verfügen. Betrieben wird das Ganze durch den Verein Talent, der damit gleichzeitig für junge Berufsleute im gastronomischen Business eine Startplattform anbietet.

Die aussergewöhnliche Leistung gilt der architektonischen Umsetzung. Der Grundraster des Lagergebäudes mit seinen Stützen und Silokammern gab den strukturellen Rahmen für die neuen Einbauten. Es wurden zwei Geschossdecken, die zusammen mit den Stützen die Anforderungen an Statik und Erdbebensicherheit zu gewährleisten hatten, eingebaut. An beiden Enden entstanden die Erschliessungszonen mit den leicht schräg gestellten Treppenläufen in Sichtbeton. Die neuen Treppenhäuser dienen nicht nur der Erschliessung des Gebäudes und der statischen Stabilisierung, sie sind auch ein echter ästhetischer Eyecatcher. Ebenso verblüffen die pyramidenförmigen Schütt-Trichter mit ihren Abfüll-Ventilen an der Decke des Erdgeschosses und erinnern an frühere Zeiten. Diese nicht mehr in Gebrauch stehenden Elemente bereichern den Innenraum mit einer eigenen Ästhetik und Poesie – ergänzt durch untergehängte LED-Leuchtringe, die eigens für diese Situation als Grundbeleuchtung designt wurden. Der markanteste und aussen wie innen sichtbarste Umbaueingriff bilden die Rundfenster, die an beiden Längsfassaden im Erdgeschoss und Obergeschoss zwischen den Lisenen eingelassen sind. Sie verteilen sich regelmässig über die ganzen Fassadenflächen. Im Erdgeschoss konnten sie zusammen mit den neu errichteten Fassadenmauern eingebaut und im Obergeschoss mussten sie aus den Betonwänden ausgeschnitten werden. Die Fenster können in der Mittelachse aufgedreht werden. Als Sonnenschutz dienen Markisen, die über einen Kettenzug von innen her manuell bedient werden. Es ist gerade dieser starke architektonische Eingriff mit den an Schiffsarchitektur erinnernden Rundfenstern, der aus dem ehemaligen Silogebäude ein bewohnbares Haus für Menschen macht und gleichzeitig assoziativ die frühere weltumspannende Beziehung des Gebäudes anklingen lässt.

Die Prämierung dieser herausragenden Leistung des Architekturbüros Harry Gugger Ltd. hat der Heimatschutz Basel mit Begeisterung und einstimmiger Überzeugung entschieden.

Bernard Jaggi